Autistische Menschen sind anders als andere Menschen. So gravierend anders, das wir es fast täglich zu hören bekommen. Aber was bedeutet es wirklich?

Für nicht-autistische Menschen, einschließlich der meisten unserer Eltern und Lehrkräfte, ist dieses Anderssein einer der Aspekte von Autismus, die am meisten beunruhigt. Eine Therapie wird in dem Maße als erfolgreich betrachtet, wenn sie bewirkt, dass die autistische Person sich mehr wie eine nicht-autistische Person verhält. Eine autistische Person wird in dem Maße als erfolgreich betrachtet, in dem sie gelernt hat, sich „normal zu verhalten“. Aber was bedeutet Anderssein und Normalsein für uns?

Autistische Menschen sind anders als andere Menschen. So gravierend anders, das wir es fast täglich zu hören bekommen. Aber was bedeutet es wirklich?Ich werde immer wieder gefragt, wann ich ein Bewusstsein dafür entwickelt habe, anders zu sein. Meine Antwort ist, dass ich das immer noch nicht habe, zumindest nicht in dem Sinn, in dem sie es meinen. Ich habe lange Jahre mit der Vorstellung gelebt ganz normal zu sein und wenn jemand nicht mehr alle Latten am Zaun hat, dann bitte schön alle Anderen, aber nicht ich! Zudem hab ich mich einfach nicht mit der Erwartung aufgemacht, dass ich gleich wie andere Menschen sein sollte. Wieso auch? Nichts und Niemand in der Welt war so wie ich und ich war nicht so, wie alles Andere in der Welt. Ich bin aufgewachsen umgeben von Dingen, die nicht so waren wie ich – Eltern und andere Erwachsene, Hunde, Hamster, Bäume, Blumen, Möbel – und es kam mir nie in den Sinn, überrascht darüber zu sein, dass sie nicht so waren wie ich. Andere Kinder waren nur eine weitere Kategorie von Dingen in der Welt. Es kam mir nicht in den Sinn, dass ich eins von ihnen sein sollte. Mal ganz davon abgesehen, waren die Kinder, die von mir erwarteten, das ich eins von ihnen sein solle, auch nicht alle gleich. Ja sie unterschieden sich sogar in ganz gravierender Weise voneinander und ich konnte beim besten Willen kein Kriterium finden, an das ich mich halten sollte, um eins von ihnen zu werden.

Auch werde ich immer wieder gefragt, ob ich denn nichts vermisse oder vermisst habe, wenn ich „nicht dazugehöre“. Klare Antwort: „Nein!“ Wie sollte ich etwas vermissen, was ich nie gehabt habe? Ich kenne mein Leben nicht anders, als ein autistisches Leben und ich bin glücklich damit. Wieso sollte ich mir Gedanken machen, wie es wäre wenn und ob es nicht besser wäre wenn man Autismus heilen könnte? Umgekehrt verwundert es mich jedoch, das sich andere scheinbar Sorgen machen, das mir etwas fehlen oder ich etwas vermissen könnte.

Was für mich allerdings sehr erschreckend war (und es passierte erst, mit dem Eintritt in die Oberstufe), ist die Tatsache, dass andere Menschen von mir erwarten, dass ich einer von ihnen sein sollte. Diese Erkenntnis kam ziemlich überraschend für mich und es schien mir mehr als ein bisschen lächerlich, als ich es feststellte, und ich verstehe es bis heute nicht wirklich.

Klar, gab es einige Dinge, derer ich mir von einem viel früheren Alter an bewusst war. Ich habe bemerkt, dass andere Kinder mich gehänselt haben. Das war einfach Teil des Lebens: Ich mochte es nicht, und manchmal hab ich mich gefragt, wie Menschen so gehässig sein können, aber ich dachte ganz bestimmt nicht, dass ich so sein sollte wie diese gehässigen Menschen.

„Sei nett zu ihnen und sie werden deine Freunde werden.“

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie meine Mutter mich des Öfteren drängte: „Sei nett zu ihnen und sie werden deine Freunde werden.“ Nun, ja, ich hatte keinen Plan, wovon sie redete. Nett sein? Ich hab doch niemandem etwas getan. Ich habe keinen verletzt und ich habe sie in keiner Weise gestört. Ich habe mich größtenteils um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert. Was wollte sie also noch mehr von mir? Und: mal ganz davon abgesehen, wollte ich ganz bestimmt nicht, dass sie meine Freunde wurden. Ich mochte Menschen nicht, die mich so behandelten; warum um alles in der Welt sollte ich sie als Freunde haben wollen? (Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass es sehr wohl auch Kinder gab, die nett zu mir waren und ich habe ihre Freundschaft geschätzt. Es kam mir ebenfalls nicht in den Sinn, sie in eine Gruppe mit den Kindern, die mich gehänselt haben, einzuordnen.)

Ich weiß von anderen autistischen Menschen, dass sie aus folgendem Grund wünschten, sie wären nicht so anders als andere Menschen: sie wollen nicht schlecht behandelt Sei nett zu ihnen und sie werden deine Freunde werdenwerden und wissen, dass der Grund für die schlechte Behandlung ihre Andersartigkeit ist. Sie passen halt nicht dazu. Ich selbst bin nie zu dieser Schlussfolgerung gekommen, aber ich kann die Argumentation verstehen. Sie wollen mehr wie andere Menschen sein, weil sie einige Vorteile erkennen, die Menschen haben, die Dazupassen, nicht, weil das Dazupassen an sich besonders wünschenswert wäre.

Die Vorstellung des Dazupassen-Wollens um seiner Selbst willen, von Anderssein als Unglück an und für sich, ist keine Vorstellung, die ich von autistischen Menschen gehört habe. Wenn eine autistische Person unglücklich darüber ist, anders zu sein, dann ist es, weil nicht-autistische Menschen der autistischen Person beigebracht haben, dass Schlimmes passiert, wenn du anders bist.

Ich habe gerade die schlechte Behandlung durch Gleichaltrige erwähnt, aber von meiner Beobachtung her werden einige der schlimmsten Folgen des Andersseins von Eltern und anderen, die glauben, sie handelten aus Liebe, zugefügt. Was für eine Botschaft vermitteln Eltern, die ständig Traurigkeit darüber ausdrücken, dass ihr Kind anders ist als andere Kinder? Was kommunizieren Eltern, die ihr Kind ständig dazu antreiben, sich „normal zu verhalten“ und deren größtes Lob und Anerkennung man bekommt, indem man sich „nicht autistisch verhält“? Die selbst für Kinder unmissverständliche Botschaft ist: „Meine Eltern mögen mich nicht so, wie ich bin. Sie sind traurig, dass sie mich anstatt eines normalen Kindes haben. Der einzige Weg, dass sie mich mögen werden, ist, wenn ich mich wie jemand anderes benehme.“

Einige autistische Kinder verinnerlichen diese Botschaft so sehr, das sie „Normalsein“ als ihr größtes Ziel im Leben definieren. Und je mehr eine autistische Person es darauf anlegt, normal zu sein, desto wahrscheinlicher ist es, nach meiner Beobachtung, dass sie unter Ängsten, Depressionen und niedrigem Selbstbewusstsein leidet. Es ist eine natürliche Folge davon, es zu seiner höchsten Priorität zu machen, jemand anderes zu werden als man selbst.

Nicht-autistische Menschen sollten aufhören,  sich den Kopf über Dinge wie Normalität und Unterschiedlichkeit zu zerbrechen

Was können wir dagegen tun? Zuallererst denke ich, dass jeder erkennen muss, dass autistisch zu sein nichts ist, dessen man sich schämen oder genieren müsste. Also: Hör auf, traurig darüber zu sein!
Zweitens denke ich, dass nicht-autistische Menschen aufhören sollten, sich den Kopf über Dinge wie Normalität und Unterschiedlichkeit zu zerbrechen, und autistische Menschen müssen damit aufhören, sich in den Denkblockaden nicht-autistischer Menschen bezüglich dieser Themen zu verfangen. Also: Hör auf zu versuchen, die Unterschiede zu bagatellisieren, und hör auf, so zu tun, als ob Autismus von der Person getrennt werden könnte.
Autistische Menschen sind sehr anders als nicht-autistische Menschen, und die Unterschiede reichen bis tief zum Kern unserer Persönlichkeit und unseres Bewusstseins. Es ist Teil unserer Identität autistisch zu sein. Autismus heilen zu wollen, bedeutet autistische Menschen ihrer Identität zu berauben!

Nicht-autistische Menschen sollten aufhören,  sich den Kopf über Dinge wie Normalität und Unterschiedlichkeit zu zerbrechenUnd daran ist nichts Falsches! Es liegt in unserer Natur als autistische Menschen, auf diese Art anders zu sein – es ist die Art, wie wir sein sollen. Unser Schöpfer oder wer auch immer sich uns erdacht hat, hat es gewollt, das es autistische und nicht-autistische Menschen gibt! Wir sind gut funktionierende Autisten und keine defekten Nicht-Autisten! Also versucht nicht uns zu reparieren! Traurig zu sein über die bloße Tatsache, anders zu sein, ist ein Handicap, das nicht-autistische Menschen haben. Es ist nicht unser Problem, und wir müssen aufhören, zuzulassen, dass es unser Selbstkonzept schädigt. Außerdem denke ich, obwohl nicht-autistische Menschen uns vielleicht dafür hassen oder fürchten oder bemitleiden, dass wir anders sind, brauchen sie uns wirklich und zwar genauso, wie wir sind. –Sie wissen es nur nicht, oder besser gesagt, sie wollen es nicht wissen.

Nun könnte man meinen, das ich denke, das autistische Menschen keine Therapie oder Erziehung bekommen sollten. Das tue ich aber ganz und gar nicht. Jedes Kind muss gelehrt bekommen, wie es in der Welt zurecht kommen kann. Jeder Mensch stößt von Zeit zu Zeit auf Probleme und Herausforderungen, muss neue Fähigkeiten lernen oder Hilfe bei anderen suchen. Meine Meinung ist, dass autistischen Menschen geholfen werden sollte, sich in der Welt als autistische Menschen zu recht zu finden und nicht ihr Leben damit zu verbringen, nicht-autistisch zu werden.

Wenn eine autistische Person sich mit einem Verhalten beschäftigt, dass gefährlich oder zerstörerisch ist, oder das die Rechte anderer beeinträchtigt, dann ist das sicher ein Problem, das gelöst werden muss. Wenn ein autistischer Mensch sich mit einem Verhalten beschäftigt, das die Umwelt lediglich nervt, dann sollte Toleranz geübt werden. Wenn einer autistischen Person eine Fertigkeit fehlt, ihre Ziele zu verfolgen, dann sollte jede Anstrengung unternommen werden, ihr die Fertigkeit beizubringen. Das Problem, das ich sehe, liegt aber da, wo autistische Menschen intensiven, stressigen und oft sehr teuren Behandlungen unterworfen werden, mit dem einzigen Zweck, sie normaler erscheinen zu lassen: harmlose Verhaltensweisen zu unterdrücken, nur weil nicht-autistische Menschen sie merkwürdig finden oder sich daran stören. Oder es werden Fertigkeiten und Aktivitäten gelehrt, die für die autistische Person nicht von im geringsten Interesse sind, nur weil die nicht-autistische Person sie mag.

Miteinander statt gegeneinander!

Ein anderes wichtiges Thema dabei, autistischen Menschen zu helfen, als autistische Menschen zu funktionieren, ist, dass selbst wenn eine autistische Person das gleiche Ziel hat wie eine nicht-autistische Person, die autistische Person mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, einem anderen Ablauf folgen muss, als die nicht-autistische Person, um dorthin zu gelangen. Aber mal ehrlich: ist es wirklich Wichtig ob man rechts oder links ums Ei läuft? Ich meine nein! Das bedeutet, wir müssen mit dem Autismus arbeiten, anstatt dagegen. Autistische Menschen haben Arten zu lernen, sich zu erinnern, sich zu orientieren und zu arbeiten, die anders sind als die von nicht-autistischen Menschen. Wir sollten nach Wegen suchen, wie wir unsere natürlichen Verfahren produktiv nutzen können, nicht versuchen, alles auf die selbe Art zu machen, wie nicht-autistische Menschen es machen.

Miteinander statt gegeneinander!Wenn ich mich meiner persönliche Erfahrungen zurückbesinne , schaffte es natürlich so manche Probleme, als ich meine eigenen autistischen Verfahren verwendete, um Interessen und Ziele zu verfolgen, die bedeutsam für mich waren, ohne mich zu bemühen, die Dinge so zu tun, wie andere Menschen sie tun, denn es verletzt die Erwartungen der Menschen. Aber ich habe in meinem Leben erfahren, dass ich in dieser Sache keine Wahl habe: ich werde immer die Erwartungen der Menschen verletzen, egal, was ich tue, weil ich nicht weiß, wie ich mich normal verhalten sollte, selbst wenn ich es wollte.

Die einzige Wahl, die mir bleibt, liegt darin, zu bestimmen, wie ich diese Erwartungen verletze. Wenn ich die Normen anderer Menschen als meine Ziele akzeptiere, ob ich sie verstehe oder nicht, dann kann ich versichern, dass, wenn ich den Erwartungen anderer Menschen nicht entsprechen kann, auch meine eigenen Maßstäbe verfehle. Aber wenn ich mich nur darüber definiere, was für mich bedeutsam ist und mich weigere, Maßstäbe und Rollen, die nicht Teil meiner Wirklichkeit sind, zu akzeptieren, dann kann ich ein starkes Gefühl der Identität und der Selbstsicherheit behalten. Wenn ich den vorherrschenden Erwartungen an normales Verhalten dann nicht entsprechen kann, weiß ich und kann erklären, warum nicht: Diese Normen beziehen sich auf nicht-autistische Menschen. Da ich keine nicht-autistische Person bin, gibt es keinen Grund, warum ich versuchen sollte, mich wie eine zu benehmen, und es ist kein Gefühl des Versagens damit verbunden, mich nicht wie eine zu benehmen.

Wir sind alle Menschen – und wir sind verschieden!

Das klingt zunächst mal sehr separatistisch. Ob es das ist oder nicht, hängt davon ab, ob die nicht-autistischen Menschen, denen ich begegne, bereit sind, mich als autistische Person unter ihnen leben und funktionieren zu lassen. Es läuft auf folgendes hinaus:

Es ist für mich auf vielerlei Art schwierig bis unmöglich, die üblichen Definitionen von Normalität zu erfüllen:
Einige davon haben ihren Grund in Beeinträchtigungen oder Defiziten in Tätigkeiten, die den meisten Menschen leicht fallen. Manche beziehen sich auf Fertigkeiten oder Stärken in Tätigkeiten, die für die meisten Leute schwierig sind. Andere begründen sich in der Art der Wahrnehmung oder der Reaktion, die weder besser noch schlechter sind, aber qualitativ anders sind als die anderer Menschen.
Unter meinen größten Stärken sind meine innere Stabilität und mein starker Sinn dafür, wer ich bin und was mir wichtig ist. Einige meiner größten Defizite beinhalten meine Unfähigkeit, soziale Normen zu lernen und zu verinnerlichen, die mir sinnlos erscheinen. Es gab ausreichend Beweise, dass ich effektiver funktionieren kann, wenn ich aus einer Position der Stärke heraus starte als aus einer der Schwäche: das heißt, indem ich mich selbst als mich selbst zeige anstatt zu versuchen, jemand anderes zu werden.

Ich bin halt anders –so what? Wir alle sind anders! Wir sind alle Menschen - und wir sind verschieden!
Wir haben alle exakt zwei Gemeinsamkeiten:
1. Wir sind alle Menschen!
2. Wir sind alle verschieden!

 

 

 

 

 

 

Esther Fleck
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Entspannungspädagogin
Mühlstraße 34a
65843 Sulzbach/Ts.
Tel: 0176-92109865
info@hypnose-fleck.de

www.hypnose-fleck.de

3 thoughts on “Asperger-Autismus

  1. Danke, Esther für diesen Beitrag. Ich bin total berührt und hoffe, dass viele Menschen den Betrag über Asperger-Autismus lesen um zu verstehen! Von Herzen, Sandra <3

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