In den nächsten Wochen werde ich Blogartikel von Gastbloggern veröffentlichen. Ich habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen dafür gewinnen können und freue mich sehr heute den 1. Gast-Blog von Lidia Schladt für Euch zu veröffentlichen.

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Besonders sensibel – besonders krank?

Ich fühle mich in großen Menschenmengen nicht wohl.“ „Manchmal brauche ich Rückzug von der lauten und groben Welt.“ „Starker Druck überfordert mich schnell.“

Solche Sätze kennen wohl viele Menschen von sich, doch bei sogenannten Hochsensiblen gehören sie zum täglichen Leben dazu. Sicherlich haben viele schon einmal den Begriff „Hochsensibilität“ gehört oder über ihn gelesen. Doch was ist genau mit ihm gemeint?

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder gar „Störung“, wie man sie in der internationalen Klassifikation psychischer Störungen, dem „ICD-10“ findet. Es ist blue-morphofalter-378559_1280vielmehr die Bezeichnung für eine besondere Feinfühligkeit, die sich sogar in der Statur eines Hochsensiblen wiederspiegeln kann. Dies ist zwar nicht immer so, doch oft sind Hochsensible von einer zarten Statur und Gliedrigkeit, einer feinen Hautstruktur, besonders wachen Augen und mit psychisch-emotionalen Antennen ausgestattet, die sehr empfänglich für die Stimmungen anderer Menschen sind. Viele „normale“ (wobei auch hier die Frage wäre, was normal sei!) Menschen erleben hochsensible Menschen als überempfindlich und teilweise sogar unbequem.

Hochsensibilität ist kein einfaches Los

Da ich selber eine hochsensible Person bin und als Logotherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Coach tätig bin, bevorzuge ich für mich selbst und für hochsensible Klienten eher den Begriff „empfindsam.“ Das ist eine schöne Variante, um die Feinfühligkeit von hochsensiblen Menschen nicht zu stigmatisieren, sondern die Besonderheit einfach nur spielerisch hervorzuheben. Empfindsamkeit klingt in meinen Ohren schöner als Empfindlichkeit.

Und glauben Sie mir, Hochsensibilität ist kein einfaches Los. Es ist ein So-Sein, das die Lebensgeschichte wie ein roter Faden durchzieht und im Grunde Fluch und Segen zugleich ist. Viele Hochsensible wussten zwar schon immer, dass sie „anders“ als andere waren und sind, aber sie kennen keine Bezeichnung dafür. Sie wissen um ihre Feinfühligkeit, doch bis es nicht zu einer Krise in ihrem persönlichen Umfeld kommt, sie eine Krankheit ereilt oder der Verlust eines anderen Menschen sie im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn wirft, leben sie im Glauben daran, dass sie genauso sind, wie alle anderen. Dies reden sie sich teilweise sogar ein, weil es zu schmerzhaft wäre, um festzustellen, dass sie eben – anders- sind.

Hochsensible saugen förmlich die Emotionen anderer Menschen auf

Wenn eine Krise sie mit besonders starken Ängsten, einer Depression oder einem Erschöpfungszustand (Burnout o.ä.) aus dem Leben reißt, beginnen viele Hochsensible, nach einem Ausweg zu suchen, zu forschen und Selbsterkenntnisse zu sammeln. Sie stellen fest, dass sie schon immer etwas anders waren, sich in großen Menschenmassen schon immer gestresst gefühlt haben, sie starker Leistungsdruck schnell überfordert hat und sie immer wieder viel Rückzug brauchten, um die eigene Mitte wieder zu finden. Denn Hochsensible saugen förmlich die Emotionen anderer Menschen auf und brauchen ihre Zeit, um diese zu ordnen. Das ist ein starker Moment von Bewusstheit über die individuelle Feinfühligkeit. Es wäre empfehlenswert, diesen Erkenntnisprozess durch einen guten Therapeuten oder Coach begleiten zu lassen. Mittlerweile gibt es im Bundesgebiet zahlreiche Therapeuten und Coaches, die entweder selber hochsensibel sind oder aus familiären Gründen gut mit der Thematik der Hochsensibilität vertraut sind, um einen hochsensiblen Klienten einfühlsam begleiten zu können.

Wie kann man Hochsensiblen helfen?

butterflies-695762_1280Denn Hochsensible brauchen vor allem viel Empathie, ein sinnbildliches Aufgefangen- und Gehalten-Werden, Verständnis, Zutrauen und eine große Portion „Mut-Mache“ für die ganz eigene besondere Zartheit. Oftmals geht Hochsensibilität auch mit Hochbegabung einher und es kann ratsam sein, einen Intelligenztest zu machen. Jedoch ist dies von Mensch zu Mensch unterschiedlich zu betrachten und sollte nicht pauschal durchgeführt werden. Ein offenes Ohr und viel Verständnis seitens der Familie und dem Freundes- und Bekanntenkreis können bereits Wunder wirken und unterstützen viel mehr, als Sprüche á la „Stell dich nicht so an“ oder „Bist du wieder überempfindlich.“

Das heißt nicht, dass Hochsensible wie ein rohes Ei behandelt und mit Samthandschuhen angefasst werden möchten. Sie sind einfach nur ein wenig anders und können in einer Gruppe als starke Mediatoren auftreten. Denn viele Hochsensible lieben Klarheit in der Kommunikation und entlarven schnell sogenannte falsche Autoritäten, weshalb sie mitunter dann selber in Führungsrollen schlüpfen oder zumindest eine Leaderposition im beruflichen oder privaten Umfeld einnehmen. Sie brauchen ein großes Maß an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen eine Führungsposition oder Selbständigkeit bieten kann. Jedoch kann dann auch ein innerer Konflikt entstehen, schnell überfordert zu sein und dem Druck nicht stand halten zu können. An dieser Stelle wären eine Klärung der Lebenssituation mit dem Aufzeigen aller Lösungsmöglichkeiten vonnöten, die ich in diesem Fall mit hochsensiblen Klienten Schritt für Schritt bespreche.

Hochsensibilität ist Facettenreich

Es gibt natürlich nicht DEN einen Hochsensiblen, sondern viele unterschiedliche Ausprägungen von Hochsensibilität, die sich so bunt gestaltet, wie das Leben an sich. Jeder Hochsensible hat eine eigene Geschichte und besondere Fähigkeiten, die er durch eine gute Unterstützung ent-wickeln kann. Dies kann im Bereich des Berufs oder sogar einer Berufung sein, aber auch in einem bestimmten Bereich, wie z.B. einem Ehrenamt, einer Art Gruppe für Hochsensible und/ oder Hochbegabte im eigenen Wohnort oder einer Online-Gruppe. Wer Tipps dazu oder Literaturhinweise benötigt, der kann mich gerne kontaktieren.

Was ich außerdem an mir selber und anderen Hochsensiblen oft beobachtet habe, war, dass die Hochsensibilität als Ausrede dafür benutzt wurde, um sich bestimmten Herausforderungen und Hürden nicht zu stellen. Dies lasse ich mittlerweile weder bei mir selbst noch bei meinen Klienten gelten, denn Hochsensibilität ist weder eine Krankheit noch ein Mittel zum Zweck, um sich dem Leben zu entziehen und sich auf Dauer ins Schneckenhaus zurück zu ziehen. Ich sehe es als eine spannende Herausforderung auf meiner Lebensreise an und versuche, meinen Klienten dieses Bild ebenfalls zu vermitteln. Ein Hochsensibler könnte es mit diesem Bild vor Augen auch folgendermaßen sehen:

Die besten Schüler bekommen die interessantesten Aufgaben.“

Lidia Schladt

www.logotherapie-bremen.com

Facebook: LoTuS – Sinn und Werte

Über die Autorin:

LydiaLidia Schladt ist Logotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis in Bremen. Einer ihrer Coaching-Schwerpunkte ist die Hochsensibilität. Sie leitet zudem logotherapeutische Bilderreisen (Wertimaginationen) und gibt Workshops zum Inneren Kind, zum Enneagramm und zur Verwirklichung von Träumen, Wünschen und Zielen. Über ihre Facebook-Präsenz „LoTuS – Sinn und Werte“ schreibt sie über ihre Arbeit, ihre persönlichen Erkenntnisse und gibt Anregungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Seit einiger Zeit hat sie dort auch eine Gruppe zum Ennegramm mit dem Namen „Typisch du, typisch ich – Das Enneagramm als Lichtblick.“

11 thoughts on “Hochsensibilität

  1. Ich erkenne mich selbst, obwohl ich weder sehr zart noch hochintelligent bin. Es könnte meinen „Schutzspeck“ erklären, den ich aber los werden möchte.

    Viele Grüße Christina

    • Liebe Christina,

      ich kenne unter meinen Klientinnen hochsensible und die schützen sich auch unbewusst mit ihrem „Schutzspeck“. Wir finden dann in den Coachings andere Mittel und Wege sich zu schützen.
      Alles Liebe, Sandra

      • Es wäre zu schön, den Knoten platzen zu lassen und diese unnötige Schutzschicht aufzulösen

        Liebe Grüße Christina

    • Liebe Christina,

      es kommt nicht immer vor, dass jemand von der Statur her zart ist. Manchmal ist es tatsächlich jemand Empfindsames mit einem Schutzmantel um sich herum. Das kann auch etwas anderes als „Speck“ sein. Eine Hauterkrankung zum Beispiel, die Menschen von sich weghalten soll. Wegen einer starken Überreizung aufgrund der Empfindsamkeit.

      Durch eine gute Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse kann eine Kommunikationsform geschult werden, um das „Nein“ an andere in ein „Ja“ zu sich selbst zu üben.

      Viele Grüße aus Bremen
      Lidia

  2. Liebe Lidia, ich danke dir für deinen wunderschönen Artikel, der Hochsensibilität sehr treffend beschreibt. Auch ich durfte vor wenigen Jahren – nach einem Burn-Out – erkennen und schätzen lernen, dass ich zwar irgendwie anders und trotzdem ganz normal bin. Bei mir war es ein Buch, welches so treffend beschrieb, wie ich mich fühlte. Heute weiß ich Hochsensibilität als Gabe zu schätzen und bin dankbar für Menschen wie dich, die mich stärken und begleiten.. Ein Austausch untereinander ist wahrhaft bereichernd und für beide Seiten inspirierend. Sich auf den ganz eigenen Weg zu machen ist ein Geschenk. In diesem Sinne: nur Mut an alle, die sich angesprochen fühlen.

    Von Herzen, Alexandra

    • Liebe Alexandra,

      vielen Dank für deinen herzöffnenden und lieben Kommentar. Ich freue mich, dass du nach einer Krise durch den Burnout deine Hochsensibilität als Gabe schätzen gelernt hast. Welches Buch hat dir in dieser Zeit stark weitergeholfen? Vielleicht hilft es an dieser Stelle auch anderen.

      Deine Zeilen sind sehr MUTmachend und ich bin dankbar, dass sich unsere Wege durch die Hochsensibilität gekreuzt haben.

      Von Herzen
      Lidia

  3. Hallo, ich bin auf diese Seite gekommen, weil ich Lidia in Bremen kurz kennenlernen durfte. Ich habe eine sehr anstrengende Entwicklung in den letzten 7 Jahren durchmachen müssen, und bin noch nicht zur Auflösung gekommen. 2009 ging meine Liebe des Lebens zu Bruch und ich verlor meine Persönlichkeit. Eine Fremde wohnte in mir. Ich hatte zu wenig Selbstliebe für mich zurückbehalten. 2010 habe ich mein Zuhause verloren und wurde wegen Eigenbedarf gekündigt. Durch einen Vorgesetzenwechsel im Job begann ein Kampf um meinen Job. Ich bin eine starke und auch hochsensible Presönlichkeit, die nicht gemerkt hat, dass sie sich im Burnout befand. Das war 2012. Ich musste lernen, dass nicht jeder Kampf zu gewinnen ist, oder gekämpft werden sollte. Loslassen ist ein großes Thema. Schlußendlich kam 2012 die Kündigung des Jobs. Ein großes innerer und schmerzhafter Prozess begann. Viele Enttäuschungen (besonders menschliche Enttäuschungen) und Verluste haben mich zum Lesen gebracht. Ich habe einen Strohhalm gesucht.Jorge Bucay „wer bin ich, wohin gehe ich und mit wem“ oder „komm ich erzähl dir eine Geschichte“, oder Eckhart Tolle „JETZT“ oder Rüdiger Schache „das Geheimnis des Herzmagneten, oder Debbie Ford „die liebevolle Kriegerin“ haben etwas mit mir gemacht. 2014 kam eine Schock Diagnose und mein Leben hat eine ganz andere Betrachtung bekommen, nämlich im HIER und JETZ zu leben, den Moment zu leben, denn in diesem Moment stecken die Glücksgefühle, die wir oft nicht bemerken, weil wir schon im morgen sind. Durch meine überstandene Erkrankung habe ich nochmals erfahren, mit welch innerer Kraft ich eigentlich ausgestattet und gesegnet bin. Mein Negativdenken ist zum Positivdenken geworden. Ich schreibe Musiktexte, vielmehr meine Seele möchte sich bemerkbar machen. Ich versuche mich im Theaterträining und ich bin 2015 und 2016 allein auf die Ransch zum Reiten nach Andalusien gefahren. Das ist eine Art Therapie für die Seele. Großartig!!! NUR: die Auflösung meines durcheinandergewürfelten Lebens lässt auf sich warten. Ich finde keine bezahlbare Wohnung, einen Job habe ich seither auch nicht gefunden, und ja, die Liebe kann ja nicht bestellt werden, obwohl die Sehnsucht das Universum schon gespürt haben müsste 🙂
    Liebe Grüße
    Angelina

  4. P.S.
    das schmerzhafteste war, erfahren zu müssen, dass sich in dem gesamten Entwicklungsprozess und besonders nach meiner Erkrankung sich die Freunde (angebliche Freunde) zurückgezogen haben. Ich habe akzeptiert und hingenommen, damit Neues in mein Leben kommen kann! Dennoch war dieses Loslassen mit vielen Tränen verbunden.

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